Der Weg nach Indien führt über Bad Camberg
    Montag, den 19. Dez 2005, Zeitung: Nassauische Neue Presse

Bad Camberg/Jemo. Der Junge läuft direkt auf einen zu, streckt die Hand aus, will begrüßt werden. Satyanarayan ist etwa 20 Jahre alt, der Sohn eines Richters. Sein älterer Bruder schlug ihn, die Familie wurde nicht damit fertig, dass er behindert ist. Satyanarayan kam nach Jemo ins Behindertenheim der Gandhi Kinderhilfe. Dort lebt er gemeinsam mit 70 behinderten jungen Leuten, die dort betreut werden. Eines von 70 Einzelschicksalen, und jedes ist anders, erzählt Dr. Basudeb Manna. Er leitet die Einrichtung, seine Frau Chinmoyee ist dort Lehrerin. Ein kleiner Rundgang zeigt: Die jungen Leute schlafen in einfachen Holzbetten in Gemeinschaftsschlafräumen. Unterrichtet werden sie so, wie es ihren Möglichkeiten entspricht. Das heißt, es gibt Turnstunden, Physiotherapie, Musiktherapie, Schulunterricht soweit möglich. Einige sprechen etwas Englisch, so auch Khalek. Das ist nicht sein richtiger Name, doch der pfiffige Junge, der vor zwei Jahren von der Polizei aufgegriffen und ins Heim gebracht worden war, verrät seinen wahren Namen nicht. Seine Familie ist nicht bekannt. Zwölf Jahre wird er alt sein, schätzt der Heimleiter. Der Junge ist hyperaktiv, was draußen beim Spielen kaum auffällt, aber eben auch spezieller Aufmerksamkeit bedarf. Die Räumlichkeiten sind sehr einfach, zweckmäßig eingerichtet.

Im Hof wird gerade eine Mauer gestrichen. Die hohe Luftfeuchtigkeit sorgt unter anderem dafür, dass frische Farbe nicht lange hält, und bald soll es hier gut aussehen, denn alle bereiten sich auf den Besuch des deutschen Generalkonsuls in Kalkutta vor. In ein paar Tagen soll zu Ehren von Günter Wehrmann, erst seit ein paar Monaten im Amt, ein Fest gegeben werden. Darauf hin wird gearbeitet. Das Behindertenheim in Jemo wurde 1989 von Dr Bimet Roy, Bidhan Roys Vater gegründet. Der Arzt rief 1963 in Kalkutta das erste Heim für behinderte Kinder ins Leben. Es folgten vier weitere Einrichtungen dieser Art - noch eines in Kalkutta, die in Jemo, eine in Darjeeling und eine in Metnapur. Wie wichtig diese Arbeit gewesen ist, davon zeugen Bilder im Heim in Kalkutta, die Dr. Bimet Roy unter anderem mit Indira Gandhi und ihrem Vater Nehru zeigen - offizielle Empfänge, Würdigungen einer besonderen Leistung. Vor ein paar Jahren starb Dr. Bimet Roy und sein Sohn Bidhan, der gemeinsam mit seiner Frau Gisela seit rund 15 Jahren in Bad Camberg lebt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Arbeit nach besten Kräften fortzusetzen. Das läuft anders als zu Vaters Zeiten. Der war immer da, sein Sohn kommt zeitweise. Und er hat das Waisenhaus, welches ans Behindertenheim angrenzt, ins Leben gerufen - verbunden mit einer schulischen Betreuung für 200 Patenkinder, die von Deutschen unterstützt werden, einer Näheschule für Frauen, einer kleinen medizinischen Station und Unterstützung für arme Menschen im Dorf - zum Beispiel, indem ihnen eine Fahrrad-Rikscha zur Verfügung gestellt wird oder eine Milchkuh.
Behindertenheim und Waisenhaus ergänzen sich - ist Bidhan Roy in Deutschland, kümmert sich Dr. Manna federführend um beide Einrichtungen. Ist der Vorsitzende des Bad Camberger Vereins "Gandhi Kinderhilfe" in Jemo, nutzt er die Zeit, um die Abläufe zu kontrollieren. Rund 200 Patenkinder gehen hier jeden Tag zur Schule, und zwar vor und nach dem regulären Unterricht. "In den staatlichen Schulen wird oft nicht ausreichend gelehrt. Viele Lehrer verdienen sich etwas mit Nachhilfe dazu, und dieses System hat sich fest etabliert", sagt Roy, der denen eine Chance geben will, die sich den teuren Nachhilfeunterricht nicht leisten können. Morgens früh und am Nachmittag kommen deshalb die Schüler in die Unterrichtsräume des Waisenhauses und werden hier von zehn Lehrkräften und teilweise auch von deutschen Studenten unterrichtet. Einmal im Monat erhalten die Kinder Geld - die Mittel, die die deutschen Paten zur Verfügung stellen, werden ihnen an Ort und Stelle ausgehändigt. Die Schlange ist lang, doch die "Gandhi Kinderhilfe" legt Wert darauf, dass alle persönlich kommen, um die Unterstützung entgegen zu nehmen. Geholfen wird vielfältig. Zwei bis drei Mal im Jahr gibt es das Augencamp - hier werden Augen kontrolliert, Operationen vorgenommen, erhalten Hilfsbedürftige eine Brille; beim letzten Mal waren es 200, und die Schlange der Menschen war schon am frühen Morgen lang - durch Mund-zu-Mund-Propaganda hatte es sich schnell verbreitet, dass es Brillen gibt. Seit März 2001 hat die Einrichtung mit der medizinischen Versorgung begonnen. Vier Ärzte und ein Laborant arbeiten für das Institut, untersuchen täglich bedürftige Menschen. Die Medikamentenkosten werden von der Gandhi Kinderhilfe getragen. Teilweise werden gespendete Medikamente direkt von Bad Camberg nach Jemo gebracht. Das Ehepaar Roy nimmt so viel wie möglich mit auf ihre Reisen nach Jemo; auch Geschenke der Paten wie Kuscheltiere und Kinderkleidung, nur darf das Gewicht das Maximum von 30 Kilo pro Person pro Flug nicht überschreiten. Eine Grenze, die einzuhalten ist, denn Überschreiten ist teuer, und im Vergleich kostet es viel weniger, in Indien gefertigte Kleidung zu kaufen. Der nächste Tag: Wieder hat sich eine Schlange gebildet - diesmal auf der Sonnenterrasse, die gleichzeitig das Dach des unteren Gebäu des ist. Hier wird normalerweise Wäsche getrocknet, die Kinder der Einrichtung nutzen die schöne, große Fläche zum Spielen. Heute stehen hier Tische, Gisela und Bidhan Roy sortieren - begleitet vom Personal der Kinderhilfe - mitgebrachte Kinderkleidung. Die Menschen in der Schlange, Kinder wie Erwachsene, warten diszipliniert. Wenn die Verteilung fertig ist, wird die Sonne untergegangen sein; das geht allerdings auch sehr schnell, um 5 Uhr nachmittags ist es stockdunkel, und der Übergang vom Tag zur Nacht passiert in etwa 20 Minuten. Zeit: Ein Faktor, der hier an Bedeutung verliert. Die Roys reagieren schnell auf Notlagen und Hilfsgesuche, prüfen aber immer auch den Hintergrund. In ihrer Zeit in Jemo sind sie ständig Ansprechpartner. Aber: "Man kann nicht allen helfen", wissen beide, die auch viel privates Geld in ihre Arbeit stecken. Das Ziel der Gandhi-Kinderhilfe ist Nachhaltigkeit. Deshalb bildet der Verein Rücklagen, um den Fortbestand der medizinischen Versorgung, der Ausbildungsstätte für Frauen, die als Witwen oder verlassene Frauen am Rande der Gesellschaft stehen, den Fortbestand des Kinderheims und der schulischen Betreuung der Patenkinder zu gewährleisten. Was wird, wenn wir älter werden?", fragen die Roys, die zur Zeit in zwei Welten leben. In Kalkutta (dort wohnen Bidhan Roys Mutter und die beiden Töchter mit ihren Familien), in Jemo (dort "haben wir 20 Kinder", wie Gisela Roy mit schmunzelndem Blick auf die Waisen erklärt) und in Bad Camberg - wo sie zu dritt mit Gisela Roys Mutter im großen Haus plötzlich eine ganz kleine Familie sind.

Eindrücke

Freitagnachmittag in Jemo: Wir haben Zeit, uns ein wenig im Dorf umzusehen. Jemo ist sehr ländlich, aber alles andere als klein. 20000 Einwohner zählt dieses Dorf, das vor 40 Jahren noch etwa 3000 Menschen beherbergte. Zwei Deutsche auf dem Weg zum Zentrum. Schon nach wenigen Metern vom Institut der Gandhi Kinderhilfe entfernt folgt uns eine Menschenmenge. Blicke, Schritte, wir sind nicht allein. Die kleine Traube wird größer, wir scheinen eine Attraktion. Kein "ruhiger, stiller Spaziergang" also? Plötzlich Kinderlachen: Vier Mädchen kommen uns entgegen. Am Morgen hatten sie uns noch in unserem Zimmer besucht, sich alles angeschaut, gemeinsam gesungen und getanzt. Die vier sind etwa zehn Jahre alt, sprechen Englisch und sind sehr daran interessiert, uns Bengalisch beizubringen. Manchmal klappt's. Jetzt gehen wir zusammen. An jeder Hand ein Mädchen weiter in Richtung Tempel - den wollen sie uns unbedingt zeigen. Und die Menschentraube ist plötzlich weg. Jetzt haben wir "Geleitschutz", sind wohl nicht mehr ganz so interessant für neugierige Augen. Und der kleine Spaziergang macht richtig Spaß. (pp)

Traditionen

"Aber ich darf doch noch nichts essen !" Bidhan Roys Stimme klingt Mitleid erregend. Der Frühstückstisch ist schön gedeckt, alle wollen anfangen und dann gleich mit dem Auto weg. Aber: Heute ist "Brother's Day". Dieser Festtag ist den Brüdern gewidmet, und seine Schwester hat sich angesagt, um am Morgen ein kleines Zeremoniell abzuhalten. Sie beschenkt den Bruder - mit Obst und Süßigkeiten zum Beispiel. Er revanchiert sich. Sie malt ihm einen Punkt auf die Stirn und - das ist jetzt wichtig - gibt ihm etwas zu essen. So bald er den ersten Löffel von ihr genommen hat, darf er wieder Nahrung zu sich nehmen. Vorher nicht. Deshalb wird gewartet. Schließlich muss alles seine Ordnung haben. Auch, wenn der Magen knurrt. Der Besuch in Indien fiel nicht nur mit dem "Brother's Day" zusammen. Auch die Kali-Puja beeindruckte die deutschen Gäste. Nach der Durga-Puja ist dies eines der höheren Götterfeste. Selbst gebaute Figuren der Göttin werden im offenen Wagen durch den Ort gefahren, zur Anbetung in den Tempel gebracht. Zur Puja-Zeit ist die Gegend schier mit Tempeln übersäht. Aus Papier oder Tuch errichtet, innen prachtvoll geschmückt, sind sie nur für die Zeit des Götterfestes da. Nach den Anbetungszeremonien der Hindus werden sie wieder abgebaut. (pp)

Schicksale

Die junge Mutter hebt ihr Kind hoch, zeigt: Der Sohn ist an der Lippe deformiert, seit Geburt. Mehrere Stunden hat sie vor dem Eingang der "Gandhi-Kinderhilfe" gewartet, um dies zu zeigen. Sie hofft auf Unterstützung, um sich eine Operation leisten zu können. Eines von vielen Anliegen. Ein Vater ist mit seiner Tochter gekommen. Sie hat einen Augen-Tumor. Anders als die kleine Durga Das, die - auch mit Hilfe von Deutschen Spenden -operiert wurde. Eine weitere Mutter fürchtet um ihr Kind. Es hat Fieber, ist lethargisch, im Krankenhaus wurde wenig geholfen. Bidhan Roy hat einen Arzt in der Familie, der sich kümmert. Gute Nachricht: Keine Leukämie, wie nach den ersten Blutwerten befürchtet. Lediglich Vitaminmangel. Die Mutter hatte schon viel verkauft und die Verwandtschaft "angepumpt", um Ärzte bezahlen zu können. Das ist jetzt kostenlos und erstmals hilfreich. Eine Frau verkauft Eier. Sie wird von der "Gandhi-Kinderhilfe" unterstützt, hat für eine Tochter eine Patin in Bad Camberg. Fatma sieht ausgemergelt aus, sehr dünn. Ihr Mann ist krank. Mit dem Eierverkauf versucht sie, die ganze Familie über Wasser zu halten. Das ist nicht leicht, denn sie hat fünf Kinder. Erst das Fünfte war ein Sohn, erzählt die Muslimin. Die Tradition habe einen Stammhalter verlangt. Jetzt habe sie sich sterilisieren lassen. (pp)

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