Hilfe zur Selbsthilfe: Die Gandhi Kinderhilfe
    April 2004, Zeitung: Kreisstadt Echo
HOFHEIM/BAD CAMBERG (kw) - Seit 1999 existiert der gemeinnützig anerkannte Verein Gandhi Kinderhilfe Bad Camberg e.V. Die Organisation versucht, hilfsbedürftigen Kindern, Behinderten und allein lebenden Frauen in der Region Kalkuttas, die zu den ärmsten der Welt zählt, ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Bidhan Roy, der Vorsitzende des Vereins, lebt seit 41 Jahren in Deutschland und bemüht sich intensiv um Spenden und Patenschaften, um seine vielfältigen Projekte zu finanzieren.
Alle Aktivitäten des Vereins werden von ehrenamtlichen Helfern und Mitgliedern des Vereins geplant und durchgeführt. Deshalb können alle Spenden, Mitgliedsbeiträge, Gelder für Patenschaften und aus Verkäufen der in Indien hergestellten Waren direkt und in vollem Umfang für die Umsetzung von Projekten verwendet werden.
Zu diesen Projekten, die sich hauptsächlich um sozial schwach gestellte Menschen bemühen, gehört unter anderem ein Behindertenheim, in dem rund 60 Behinderte ganztägig betreut werden. Im Frauenberufszentrum werden Witwen sowie Frauen, die ihren Mann verlassen mussten, durch rechtliche Beratung und finanzielle Hilfe unterstützt. Besonderer Wert wird darauf gelegt, dass die Frauen in die Lage kommen, durch eigene Arbeit den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder zu verdienen. Dazu erhalten sie Unterricht und Ausbildung in handwerklichen Berufen. Auch die Kinder werden betreut.
In dem integrativen Waisenhaus, das ähnlich wie ein SOS-Kinderdorf strukturiert ist, leben die Kinder in familienähnlichen Gruppen. In den Gruppen von sieben bis acht Kindern sollen zusätzlich zwei behinderte Kinder aufwachsen.
Die Gandhi Kinderhilfe bietet auch die Möglichkeit, Patenschaften für indische Kinder zu übernehmen. Paten gibt es unter anderem auch in Hofheim und Kriftel. Über 200 Kinder erhalten in dem Projekt Ausbildung für Kinder ihr schulische Qualifikation und ihre Ausbildung. Sie werden dadurch davor bewahrt, ihre Kindheit unter schlimmen Bedingungen als Fabrikarbeiter oder als Arbeiter in reichen Haushalten zu verlieren. Vier Lehrer und zwei deutsche Studentinnen unterrichten dort.
Seit zwei Jahren gibt es ein medizinisches Zentrum mit vier Ärzten und einem Laboranten. Ganztätig von Montag bis Sonntag werden dort rund 100 Patienten untersucht und erhalten unentgeltlich Medikamente. Schul-, Zahn- sowie Augenmedizin werden dort praktiziert. Auch die Homöopathie spielt eine große Rolle.
In diesem Jahr wurden weitere Projekte ins Leben gerufen. So erhalten beispielsweise bedürftige, alte Frauen ohne staatliche Unterstützung Hilfe zur Selbsthilfe. Rund 15 ältere Frauen leben inzwischen in der Einrichtung.
Ein weiteres Projekt ganz im Zeichen der Hilfe zur Selbsthilfe ist die Anschaffung von Fahrrad-Rikschas. Für einen ganz geringen Betrag werden die Fahrzeuge an bedürftige Familien mit zwei bis drei Kindern gegeben. Mit dem daraus resultierenden Verdientst können die Familienväter ihre Familie unterstützen. Etwa vier bis fünf Fahrrad-Rikschas wurden inzwischen weitergegeben. Auch sie wurden durch deutsche Familien finanziert, eine Rikscha kostet etwa 150 Euro. Mit einer Spende von 260 Euro kann eine funktionierende Brunnenanlage erbaut werden. Der Spender wird mit einer Gedenktafel am Brunnen verewigt.
Eine außergewöhnliche Aktion führte die Gandhi Kinderhilfe Bad Camberg im März dieses Jahres durch: Ein Eye-Camp. Vier Ärzte aus Kalkutta untersuchten zwei Tage lang 700 Patienten. Pro Tag wurden kostenlos rund 260 Brillen verteilt, gesponsert durch deutsche Optiker und Einzelpersonen. Im Rahmen dieses Camps entdeckten die Verantwortlichen die sechs-einhalbjährige Durga Das. Das Mädchen hat einen Tumor am Auge und wird erblinden, wenn es nicht schnell operiert wird. Durch eine Spendenaktion will die Gandhi Kinderhilfe nun diese Operation ermöglichen. Sie kosten in Indien etwa 2 000 bis 2 500 Euro. Würde sich ein deutsche Arzt finden, der die Operation in Indien durchführt, würde die Kinderhilfe selbstverständlich die komplette Organisation übernehmen. Durga Das Familie ist fünfköpfig. Ihr Vater ist Bauhilfsarbeiter und verdient am Tag einen Euro.
Die Gandhi Kinderhilfe lässt in jedem Jahr ein bis zwei Operationen in Kalkutta durchführen. So konnte im Dezember auch ein Junge geheilt werden. Deutsche Ärzte aus Seligenstadt nahmen den Eingriff unentgeltlich vor.
Der Verein bietet jungen Leuten außerdem immer die Möglichkeit, vor Ort Praktika durchzuführen. Deutsche Helfer sind stets willkommen und müssen nur für den Flug aufkommen. Unterkunft und Versorgung sind ebenso umsonst wie der Empfang am Flughafen und der Transfer nach Jemo (ca. 250 Kilometer von Kalkutta entfernt). Die Praktikanten, im Jahr sind das rund 15, erhalten auch ein Zeugnis.

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