Ein Waisenhaus für Mädchen
    Dienstag, den 9. Mai 2006, Zeitung: Nassauische Landeszeitung
Bad Camberg/Jemo. Die Waisenkinder tanzen gerade - zu Ehren der Gäste aus Deutschland. Da zupft ein Vater an Bidhan Roys Ärmel. Der Vorsitzende der Gandhi-Kinderhilfe Bad Camberg schaut, ein Gespräch beginnt. Der Mann ist in die Räumlichkeiten der Kinderhilfe in Jemo in West-Bengalen gekommen, um für sein Kind um Hilfe zu bitten. Die Kleine hat einen Augentumor. Vor über einem Jahr sammelten die Menschen in Bad Camberg und Umgebung für Durga Das, die mittlerweile operiert ist. Seine Tochter hat einen weniger gefährlichen Tumor, doch sie könnte das Augenlicht verlieren. Bidhan Roy nimmt die Daten auf, verspricht, sich zu kümmern.

Szenenwechsel: Ein halbes Jahr später in Deutschland. Bidhan Roy ist mittlerweile ein zweites Mal in seinem Heimatort Jemo gewesen. "Das kleine Mädchen ist operiert", berichtet er freudestrahlend - mit Hilfe von Mitteln und Beziehungen seines Vereins. Das ist nämlich in Indien besonders wichtig: Nicht nur die finanziellen Voraussetzungen, sonder auch die Kontaktpflege, um gezielte Hilfe leisten zu können. Deshalb ist der 66-Jährige so oft unterwegs - sei es in Indien oder jetzt wieder in Deutschland mit Bischof Gomez aus West-Bengalen. Der Bischof besuchte die Bad Camberger Schütz-Schule, war in Elz, informierte sich über das kulturelle und politische Leben in Bad Camberg, dem Sitz der Gandhi-Kinderhilfe. Und er erfuhr - wie die Vereinsmitglieder in Deutschland - einiges über die letzten Neuerungen, die der Verein in Jemo vorgenommen hat. Zurzeit sind wieder 20 Waisenkinder in der Einrichtung untergebracht. Im Nachbarhaus werden die behinderten Kinder und Jugendlichen betreut. Das Gebäude, welches die Waisenkinder beherbergt, bietet gleichzeitig die Räumlichkeiten für den Schulunterricht, welchen die Kinder der deutschen Paten bekommen - das sind etwa 200 Jungen und Mädchen. Auch die Nähschule ist hier untergebracht. Allerdings: Die Waisenkinder werden älter, und auf Dauer können Jungen und Mädchen nicht zusammen beherbergt werden. Deshalb entsteht zurzeit ein Neubau, und das ist die wirklich "große Nachricht", die Bidhan Roy übermittelt. Bei seinem letzten Besuch wurde der Rohbau für das Waisenhaus für Mädchen fertig gestellt. Später sollen dort einmal 20 Mädchen untergebracht werden. Das Land wurde von Geldern erworben, die im letzten Jahr bei den Indientagen in Bad Camberg gespendet wurden, außerdem von Spenden der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) Bad Camberg. "Wir hoffen, dass das Gebäude im Herbst bezugsfähig sein wird. In diesem Haus soll auch in etwas größerem Rahmen das Ausbildungszentrum für bedürftige Frauen untergebracht werden." An zwei Schulen wurde je eine Wasserpumpe installiert, die von deutschen Familien gespendet wurden, berichtet Bidhan Roy. Die Kosten für eine Pumpe beziffert er mit 250 Euro. Vier weitere Fahrrad-Rikschas für je 160 Euro und eine Milchkuh für 260 Euro für das "Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekt" wurden ebenfalls gespendet. Sie ermöglichen es Familien, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Die Familien zahlen nach und nach kleine Beträge an die Kinderhilfe zurück, die später für Neuanschaffungen verwendet werden, oder sie helfen hin und wieder in der Einrichtung in Jemo. Professor Bittner von der Uniklinik-Frankfurt war für Interplast (Seligenstadt) in Kalkutta. Die Gandhi-Kinderhilfe arbeitet eng mit der Einrichtung zusammen. Zwei kleine Mädchen im Dorf wurden deshalb an stark deformierten Kiefern operiert. Außerdem sind zwei kleine Mädchen zu den Waisenkindern hinzugekommen. Hier sucht die Kinderhilfe noch Paten. Die Kosten für eine Patenschaft betragen monatlich 20 Euro. Es wäre auch möglich, dass sich zwei Paten die Kosten teilen.

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