Wiederbelebung mit dem Fussball
    Als Rettungsassistent in Indien: Benedikt Held im Einsatz für die Gandhi Kinderhilfe
    Freitag, 19. Juli 2002, Zeitung: Rhein Main Presse
"Ich wollte einfach mal im Ausland arbeiten", sagt Benedikt Held aus Wiesbaden. "Das Land war mir egal: Indien, Afrika oder Lateinamerika." Der 22-jährige Rettungsassistent dachte an Freiwilligendienst für eine Hilfsorganisation und ging per Internet auf die Suche. Die hatte er sich allerdings einfacher vorgestellt. Zwar fanden sich mehrere Angebote, aber die Selbstkostenanteile waren ihm schlichtweg zu hoch. Seine Mutter machte ihn schließlich auf die Gandhi Kinderhilfe Bad Camberg aufmerksam.
Dieser gemeinnützige Verein zur Förderung behinderter und armer Kinder in Indien, dem bundesweit rund 180 Mitglieder angehören, wurde 1999 von Bidhan Roy gegründet. Wer stammt aus dem westbengalischen Jemo, einer Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern und 250 Kilometer nordöstlich von Kalkutta gelegen. Die Region gehört zu den fruchtbarsten, aber auch ärmsten der Welt. Mit Unterstürzung seines Vereins organisiert der seit über vierzig Jahren in Deutschland lebende gelernte Betriebswirt Bidhan Roy verschiedene soziale Hilfsprojekte. So existieren bereits ein Behindertenheim, ein Berufsausbildungszentrum für Witwen und verlassene Frauen, ein Gesundheitszentrum, eine Schule für Kinder mittelloser Eltern sowie Anfänge eines Waisenhauses. Alle Projekte der Gandhi Kinderhilfe werden ohne Umwege durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Gelder für Patenschaften finanziert. Mit seinem Engagement setzt Roy das Lebenswerk seines verstorbenen Vaters fort. Der in England ausgebildete Kinderarzt hatte in Westbengalen unter anderem mehrere inzwischen staatlich geführte Kinderheime eingerichtet.
Nach einem ersten Gespräch mit Bidhan Roy war schnell klar: Benedikt sollte bei der Einrichtung einer Krankenstation helfen. Kost und Logis waren frei. Nur das Flugticket musste er kaufen und unbezahlten Urlaub nehmen.
Das Abenteuer begann: knapp drei Monate im fernen, fremden Indien. Unmengen von Fotos habe er gemacht, sag Benedikt. Er klappt eines der dicken Alben auf und erzählt. Mit dem Anbau der Krankenstation, die er einrichten sollte, war bei seiner Ankunft noch nicht begonnen worden. Fehlende Gelder hatten das Projekt verzögert.
Beschäftigungslos blieb Benedikt trotzdem nicht. Er half bei der Betreuung behinderter Jugendlicher und unterrichtete die so genannten Patenkinder. Ihr Schulbesuch wird mit 72 Euro pro Jahr von Paten in Deutschland bezahlt. Insgesamt etwa 150 Schüler erhalten in Jemo durch die Gandhi Kinderhilfe eine Ausbildung.
Benedikts Versuche, dem indischen Arzt während der kostenlosen Sprechstunden im Gesundheitszentrum zu assistieren und beispielsweise das Blutdruckmessen zu übernehmen, scheiterten jedoch. "Er wollte alles selbst tun." Dafür sammelte Benedikt bei Ärzten in der Region Medikamente, die dann an Bedürftige ausgegeben wurden. Die meisten litten an Durchfall, Bauch- oder Kopfschmerzen. IN einer Art Hausarzt-Sprechstunde wurden jeden zweiten Nachmittag jeweils 50 bis 60 Patienten behandelt. "Aus Furcht vor den Kosten gehen viele arme Leute mit schweren Erkrankungen oder Verletzungen erst gar nicht zum Arzt."
Der völlig andere Umgang mit Krankheit und Tod als allgegenwärtigem, unabwendbarem Schicksal, das wie selbstverständlich hingenommen wird, beschäftigte Benedikt immer wieder. "Mit meinem Berufsalltag zu Hause im Rettungsdienst war das alles überhaupt nicht zu vergleichen." Dennoch fand Benedikt viele Interessenten für seine Erste-Hilfe-Kurse und medizinischen Grundlehrgänge. Anschauungsmaterial stand ihm nicht zur Verfügung, dafür aber Phantasie und Improvisationstalent. So zauberte er aus seinen Anziehsachen eine praktikable Puppe für die Herz-Lungen- Wiederbelebungsübung, indem er ihr einen halb ausgelassenen Fußball unters T-Shirt schob. Zeichentalent bewies Benedikt übrigens nicht nur bei der sachgemäßen Darstellung menschlicher Skelette, sondern auch beim Malen von Elefanten und Tigern an kahle Schulwände.
"Ich könnte dort leben", ist er überzeugt. Obwohl er zunächst gedacht habe, er halte die drei Monate nicht aus. An das Essen mit den Fingern oder das Sitzen auf dem Fußboden während der Mahlzeiten gewähnte er sich bald. An die halsbrecherischen Busfahrten und den mörderischen Lärm und den Straßen, den Schmutz und Gestank nicht. Auch die Neugier der Leute ihm dem Fremdling, gegenüber sei oft anstrengend gewesen. Manchmal habe er sich auch nach einem Cafe "wie zu Hause" gesehnt. Und doch denkt er bereits an ein nächstes Mal. "In Afrika vielleicht oder in Lateinamerika."

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